Im April 2018 begann der Abriss des 22 Meter hohen Yecla de Yeltes Damms auf dem Fluss Huebra. 27 Km Flusslauf konnten für bedrohte Fische, Otter, Schildkröten und viele andere Arten gewonnen werden. © Hermann Wanningen
Im kommenden Jahr soll in Frankreich der 35 Meter hohe Vezin Staudamm abgerissen werden. Es ist das bisher größte Staudammabrissprojekt Europas © JP Doron

Rückbau von zehntausenden Dämmen in Europa soll Flüsse wieder zum Leben erwecken

Wien, Brüssel, 19. Juli 2018 – Europas Flüssen geht es schlecht, zu diesem Ergebnis kam kürzlich die EU in ihrem Bericht zur Lage der Fließgewässer. Nur etwa 40 Prozent erreichen demnach einen guten ökologischen Zustand, die meisten davon zudem in höheren Berglagen, weiter unten sieht es noch schlechter aus. Ein wesentlicher Grund für den schlechten Zustand ist die enorme  Menge an Wehren und Dämmen. Ein aktueller Bericht von Dam Removal Europe hat die Anzahl der Dämme und Wehre nun erstmals genauer erhoben. Demnach stoßen Lachse, Aale, Äschen, Störe und vielen andere Fischarten auf ihren Wanderungen durchschnittlich jeden Kilometer auf ein Hindernis. Viele von ihnen sind obsolet und sollten entfernt werden.

„Flüsse sind die Lebensadern der Natur, ihre Zerstörung kommt uns alle teuer zu stehen. Dämme haben eine bedeutende Rolle in der europäischen Entwicklung gespielt, sie haben allerdings auch zu einem schleichenden Sterben der Flüsse und zu einem katastrophalen Rückgang der Artenvielfalt beigetragen.“  sagt Stuart Orr, Freshwater Practice Lead beim WWF. „Zigtausende kleine Wehre und Querbauwerke verbleiben ungenutzt in der Landschaft und unterbrechen Fischwanderwege, blockieren den Sediment- und Nährstofftransport und entwerten unsere Gewässer für Mensch und Natur.“

Geschätzte 30.000 vorwiegend kleine Wehre sind allein in Frankreich, Spanien, Polen und im Vereinigten Königreich mittlerweile obsolet geworden. Noch gibt es keine umfassende Studie zur Quantifizierung funktionsloser Querbauwerke in Europa, deren tatsächliche Zahl wird aber um ein Vielfaches höher geschätzt. Während diese Wehre für die Gesellschaft nicht mehr von Nutzen sind, schaden sie massiv den Fließgewässern und deren Bewohner. Sie behindern das freie, dynamische Abflussgeschehen und tragen massiv zum Verschwinden von Süßwasserarten, besonders wandernder Fische bei, die ihre Laichplätze nicht mehr erreichen können.

Der Bericht fordert die europäischen Regierungen auf, den Rückbau dieser überflüssigen Wehre in Angriff zu nehmen, um die Flusslandschaften wiederzubeleben und neue wirtschaftliche Möglichkeiten für ländliche  Gemeinden zu schaffen. Diese Maßnahmen sollen erwartungsgemäß auch die Erreichung der ehrgeizigen Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) durch die Mitgliedsstaaten vorantreiben.

„Wenn man sie lässt, erholt sich die Natur bemerkenswert schnell: nach dem Dammabriss haben sich die Fischbestände rasch erholt, selbst jahrzehntelang verlorene Fischarten kommen zurück “, so Koautorin Pao Fernandéz Garrido von der World Fish Migration Foundation. „Kehren die Fische zurück, folgen ihnen auch die fischfressenden Vögel und das gesamte Spektrum der wassergebundenen Artengemeinschaften, die von ökologisch intakten Gewässern und Feuchtgebieten abhängen, genauso wie Angler und Vogelfreunde, die dem ländlichen Raum eine neue wirtschaftliche Perspektive geben.“

Der Bericht führt eine Reihe von Fallstudien an, welche die bemerkenswert schnell nachweisbaren Auswirkungen der Dammabrisse veranschaulichen. Seit der Entfernung von zwei Wehren im niederländischen Bach ‚Boven Slinge‘ im Jahr 2015, erhöhte sich das Fischartenspektrum in den neu angebundenen Abschnitten durchschnittlich um 30 Prozent, während die Fischdichte um 148 Prozent zunahm. In Dänemark konnte nach dem Abriss eines Wehres im Fluss Gudenå eine prompte Erhöhung der Forellendichte von null auf vier bis fünf Fische pro m² nachgewiesen werden. In Frankreich führte die Entfernung des Maisons-Rouges-Wehres 1999 zu einer spektakulären Erholung der Fischbestände, von denen besonders die Anzahl der zuvor kaum nachweisbaren Neunaugen innerhalb von acht Jahren auf 41.000 Stück stieg.

Der Abriss von Dämmen nimmt in Europa langsam an Fahrt auf. Im kommenden Jahr werden die bislang größten Staudämme Europas abgerissen: der 15 Meter hohe ‚Roche qui boit‘ Damm und der 35 Meter hohe ‚Vezin‘ Damm, beide an der französischen Sélune. 

„Der Dammabriss ist der ökologisch effiziente und kosteneffektive Weg zur Erreichung der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie, zu der sich alle Mitgliedsstaaten verpflichtet haben“ bekräftigt Orr. „Der Rückbau ist zudem signifikant kostengünstiger als die Erhaltung von obsoleten alten Wehren. Freifließende Flüsse haben außerdem zahlreiche positive Effekte, wie verbesserte Wasserqualität, touristisch nutzbare Erholungsfunktion, bis hin zum wiederhergestellten natürlichen Hochwasserschutz – hochrelevant im Zeitalter des Klimawandels. Klar ist: der Abriss von Wehren und Dämmen kostet weniger und erreicht mehr.

Allein im Alpenraum gibt es zigtausende Querbauwerke, die zu einem enormen Artenverlust und einem Verlust an landschaftlicher Schönheit geführt haben. Es wird geschätzt, dass Alpenflüsse durchschnittlich alle 600 Meter durch eine Barriere unterbrochen werden, 90 % des Gewässernetzes werden dadurch stark beeinträchtigt. „Wir brauchen mehr lebendige Flüsse und weniger Dämme in unserer Landschaft “, ergänzt Fabio Di Tullio von Riverwatch. „Als Partner von Dam Removal Europe fordern wir den konsequenten Rückbau von obsoleten Dämmen und Wehren an unseren verbleibenden Flussheiligtümern. Von Rosenburg am Kamp bis zum Brunauer Wehr an der Ötztaler Ache ist das Potenzial für die Renaturierung unserer Flüsse durch effizienten Dammabriss enorm“.

Riverwatch sucht im Rahmen der Initiative „Weg Dammit!“ nach Wehren, Wasserkraftwerken und sonstigen Querbauwerken, deren Schaden höher ist, als deren nutzen. „Wir  laden alle Flussfreunde ein, über unseren Fragebogen Querbauwerke zu melden, deren Entfernung im öffentlichen Interesse steht“, so Fabio Di Tullio.

 

Hintergrundinformationen

  • Der Bericht steht hier zum Download zur Verfügung
  • Dam Removal Europe: Dam Removal Europe (DER) ist ein Zusammenschluss von 5 Organisationen: WWF, World Fish Migration Foundation, European Rivers Network, The Rivers Trust und Rewilding Europe. DRE strebt die Schaffung einer Gemeinschaft aus Einzelpersonen, Organisationen und Regierungen an, die sich verpflichten, den wunderschönen europäischen Flüssen mehr Raum und damit Potenzial zu geben.  Wir tun dies, indem wir obsolete kleine und große Dämme mit unseren lokalen Partnern von unseren europäischen Gewässern entfernen. Gemeinsam stellen wir sicher, dass europäische Flüsse wieder frei fließen – für Mensch und Natur. Weitere Informationen:  www.damremoval.eu
  • Riverwatch: Riverwatch ist ein Verein zum Schutz der Flüsse und versteht sich als Plattform für alle, denen die Flüsse am Herzen liegen. Unser Ziel ist es, die letzten intakten Flüsse zu erhalten und verbaute Flüsse zu renaturieren. Riverwatch macht auf den Wert von Flüssen, ihre Schönheit und ihre Bedeutung für Flora und Fauna und den Menschen aufmerksam. Wir engagieren uns weltweit gegen zerstörerische Projekte, v.a. Staudämme und schaffen öffentliches Bewusstsein durch Kampagnenarbeit. https://riverwatch.eu/de

 

Rückfragen

Fabio Di Tullio, Koordination Riverwatch-Initiative „Weg Dammit!“ ,
fabio.ditullio@riverwatch.eu, +436641766479